Don’t believe the hype: So reizvoll das “Hunger Games”-Setting des dramatischen Überlebenskampfes in einer düsteren Science-Fiction-Welt im Trailer noch erscheint, so armselig ist das Endprodukt.
Es ist wirklich erschreckend, wie wenig Regisseur Gary Ross in sagenhaften 142 Minuten zu erzählen vermag, wie viele Lücken das fahrige Drehbuch reißt, wie hektisch-schlecht die Action gefilmt wird, wie oberflächlich die Charakterzeichnungen bleiben. Wie kalt einen das alles lässt.
Schon das Grundgerüst des Films steht schief: Wieso sollen grausame Überlebenskämpfe, bei denen sich die Kinder der unterjochten Distrikt-Bewohner brutalst hinrichten müssen, die Massen beruhigen bzw. eine Rebellion verhindern? Das macht, so wie es dargestellt wird, wenig Sinn. Mit dem stimmigen Erklären der Welt hat es Ross sowieso nicht so, vieles, über das man gern mehr erfahren hätte, bleibt auf der Strecke. Etwa jene mysteriöse Geste mit den drei Fingern, die die Distriktbewohner ihrer Katniss entgegenrecken. Ob das Ganze für Buchkundige durchschaubar ist oder nicht, spielt dabei keine Rolle, ein Film steht für sich und muss für sich stimmig sein. Das schaffen gute Literatur-Verfilmungen (siehe Lord of the Rings), die Hungerspiele schaffen es nicht.
Besonders deutlich wird die Schwäche des Drehbuchs, wenn man die vielen offenen Fragen und wischiwaschi-Charakterzeichnungen dem gegenüberstellt, mit dem reichlich Screentime verplempert wird. So wird mir allen Ernstes in drei Minuten zweimal erklärt, dass eine gewisse Wespenart durch ihre Stiche Halluzinationen beim Opfer erzeugt. Auch verbringt der Film viel zu viel Zeit mit nichtssagenden Dialogen, hektisch gefilmter Action und Closeups von Fleischwunden. Es ist bemerkenswert, wie Ross seine vielen Filmminuten mit die Handlung nicht vorantreibenden Quatsch vollmüllt.
Da ist es nicht verwunderlich, dass die Figuren, obwohl sie in dramatische Extremsituationen geraten, furchtbar oberflächlich bleiben. Selbst Hauptdarstellerin Jennifer Lawrence, die in “Winter’s Bone” eine so hervorragende Figur machte, bleibt von der Eindimensionalität ihres Charakters hoffnungslos unterfordert. Merke: Ein paar abgedroschene Drama-Klischees (arme, kleine Schwester, toter Vater) um eine Figur zu stricken, reicht nicht aus, um ihr Tiefe zu verleihen. Lawrence’ hübsches Gesicht bekommt – ebenso wie die Fleischwunden – reichlich Close-Ups spendiert, ihre Figur bleibt dennoch glatt.
Noch düsterer sieht es bei ihrem männlichen Partner aus: Josh Hutcherson ist ein Reinfall, sein Charakter bleibt kreidebleich. Die Szenen, in denen er und Katniss sich Salbe in die Wunden schmieren und dabei durch hölzerne Dialoge stolpern, sind furchtbar schlecht und wurden im vollbesetzten Kino einige Male mit kollektivem Lachen bestraft.
Da kann manche Nebenrolle (Woody Harrelson, Stanley Tucci, Donald Sutherland) noch so nett besetzt sein und das Design des “Spielfelds” in der TV-Zentrale noch so hübsch aussehen. Die Hungerspiele bleiben ein erschreckend schwacher Film und vergurken ihr großes Potenzial, dass es einem wehtut.