Meine Zweifel waren groß: Der Hulk, Captain America, Ironman, Thor, Black Widow, Hawkeye – so viele Superhelden in einem Topf. Kann das gutgehen? Gut, der Film hat satte 142 Minuten auf der Spule, um eine vernünftige Geschichte zu erzählen. Andererseits: Die hatte “Hunger Games”-Regisseur Gary Ross auch. Und der verdödelte sie bekannterweise ziemlich (siehe vorheriger Beitrag).
Vorweg: “Avengers”-Regisseur Joss Whedon, Schöpfer der Vampir-Jägerin Buffy und der wunderbaren Science-Fiction-Serie Firefly, macht es viel, viel besser. Die Geschichte um sechs Superhelden, die sich zusammentun, um die Übernahme der Erde durch raffgierige Aliens zu verhindern, hat reichlich Trümpfe im Ärmel.
Whedon weiß um die Wichtigkeit seiner Figuren – und lässt diese, bevor sie sich gemeinsam gegen das Böse wenden, erstmal ausgiebig in Rede- und Kampfduellen gegeneinander antreten. Dabei kommt es nicht nur zu einigen der coolsten Filmduelle, die die Leinwand je gesehen hat, auch die Charaktere und ihre Eigenschaften werden schön herausgeschält.
Hierbei wird dann auch ganz klar, wer bei den Darstellern die Hosen an hat: Zum einen ist das Mark Ruffalo, der die Zerrissenheit seines Charakters zwischen dem sensiblen, gebremsten Bruce Banner und dem unkontrollierbaren Hulk hervorragend vermittelt, zum anderen ist es Robert Downey Junior, der als zynisch-forscher Egomane Tony Stark alias Ironman Ecken und Kanten zeigt und die meisten Lacher auf seiner Seite hat. Gegen die beiden fällt der Rest der Clique (Scarlett Johansson, Jeremy Renner, Chris Hemsworth und Chris Evans) zwar deutlich ab, macht aber immer noch einen ordentlichen Job.
Neben der stimmigen Figuren-Einführung und -Duellierung glänzt Regisseur Whedon schon früh im Film mit seinen hervorragend choreographierten und wunderschön eingefangenen Action-Sequenzen, die jeden Genre-Fan freudig im Kinosessel zusammenzucken lassen. Hier kracht es nicht nur ordentlich, hier sieht der Zuschauer auch immer was wo passiert. Vorbildlich.
Zum Finale des Films, wenn die Superhelden endlich gemeinsame Sache machen, wird nochmals kräftig an der Action-Schraube gedreht. Und ich kann nur sagen: Es ist ein großer Spaß und es sieht atemberaubend aus. Wenn Whedon dann gekonnt und wohldosiert noch ein paar nicht pseudocoole, sondern wirklich witzige Akzente setzt, ist man als Comic-Film-Fan fast wunschlos glücklich.
Fast. Denn ein nicht ganz unwesentlicher Kritikpunkt bleibt. Der Bösewicht des Films, Alien-Anführer Loki wird gespielt von Tom Hiddleston (“Gefährten”, “The Deep Blue Sea”) und bleibt bedauerlicherweise blass und vor allem unbedrohlich. Und gerade in einem Film, in dem es der Schurke mit einem ganzen Heer an Helden aufnehmen muss, raubt das der Geschichte ein bisschen die Spannung. Man hat einfach zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, der behörnte Halbgott könne dem Superhelden-Sextett tatsächlich Paroli bieten. Ein Duell zwischen Gut und Böse auf Augenhöhe wie es etwa “The Dark Knight” so unheimlich gut getan hat, findet hier leider nicht statt. Dafür hätte es sowohl von der Figur als vom Darsteller deutlich mehr gebraucht.
Dennoch: “The Avengers” macht vieles richtig und funktioniert über weite Strecken hervorragend. Whedon hat sich ernsthaft den Figuren angenommen, seinen wunderbaren Sinn für Humor einfließen lassen und fantastische Actionsequenzen auf die Beine gestellt. Ein lohnenswertes Kinoerlebnis.